Ein Weltkonzern vernichtet seine Reputation
Furchtbarer hätte es für die Umwelt, aber auch für BP nicht kommen können: Im Februar 1989 hatte der Konzern das Erscheinungsbild unter dem Motto “Horizon” geändert, um damit nach eigenen Angaben strukturelle Veränderungen und das gestiegene Selbstbewusstsein auf dem Weltmarkt zu versinnbildlichen, und dann ist es ausgerechnet der Untergang der Bohrinsel “Deepwater Horizon”, der den mehr als 120 Jahre erfolgreich in aller Welt agierenden Konzern in die größte, eventuell sogar Existenz bedrohende Krise seiner Geschichte führt und die größte Umweltkatastrophe seit Tschernobyl ausgelöst hat, deren Ende und Folgen noch gar nicht absehbar sind. Die erst Ende März 2010 von BP-Vorstand Andy Inglis gepriesene hohe Befähigung des Konzerns bei der erfolgreichen Überwindung geopolitischer schwieriger Situationen sowie das hohe Know How unter anderem in der Erschließung von Tiefseegebieten klingen wie Hohn angesichts der Katastrophe im Golf von Mexiko.
Der Untergang der Ölplattform “Deepwater Horizon” mit der Folge, dass seit fast fünf Wochen riesige Ölmengen- inzwischen wird von 5000 bis zu 50.000 Barrel (800.000 bis 8.000.000 Liter) Rohöl täglich gesprochen- in den Golf von Mexiko gelangen, ist allein betrachtet eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes; für das Meer und alle darin befindlichen Lebewesen, für die Küstenregionen von Mississippi, Alabama, Florida und nicht zuletzt Louisiana, wo schon mehr als einhundert Kilometer Küste ölverschmutzt sind, für die amerikanische Regierung und ganz besonders für den BP Konzern aufgrund entgangener Gewinne und zu erwartender Entschädigungsansprüche ungeheuren Ausmaßes. Doch auch wenn das sarkastisch klingen mag: Den finanziellen Schaden wird der BP Konzern, der in 2009 Gewinne von 16,7 Milliarden US-Dollar auswies, vermutlich verkraften können. Doch die Reputation wird für sehr lange Zeit vernichtet bleiben, denn unvorstellbar sind die Ausmaße des Unglückes, doch unverzeihlich ist die beschämende Rolle, die der BP Konzern darin spielt.
Der Reputation hat nicht nur geschadet, dass der Tony Hayward, Konzernchef der BP, noch in der dritten Woche nach dem Bersten der Rohre die Auswirkungen auf die Umwelt als sehr, sehr gering, bezeichnete und die Angaben zur Menge des austretenden Rohöls verniedlichte, inzwischen jedoch eine nicht mehr überschaubare Panne zugeben musste. Schwerer noch wiegt, dass die BP ihre eigenen Ziele, “die Auswirkungen der operativen Tätigkeit auf Umwelt und Gesundheit so weit wie möglich einzuschränken”, eklatant verletzt hat, als sie aufgrund geringerer Sicherheitsvorschriften die Bohrinsel unter der Flagge der Marshall-Inseln registrieren ließ und zudem wenige Tage vor der Explosion von zwei Alternativen, das Bohrloch zu ummanteln, die schlechtere, kostengünstigere wählte. Völlig indiskutabel ist die miserable Informationspolitik nicht nur in Bezug auf die austretenden Ölmengen, sondern auch auf die Fortschritte bei der Behebung des Schadens. Nachdem zunächst der Eindruck entstand, dass die BP nicht alles in ihren Kräften stehende unternimmt, um den Schaden einzugrenzen, hat sich nach missglückten Versuchen, das Leck in etwa 1.600 Metern unter dem Meeresspiegel mit einer tonnenschweren Haube zu verschließen, der inzwischen verbotenen Bekämpfung der Ölpest durch giftige Chemikalien und dem “Top Kill”, einem Versuch, das geborstene Rohr mit Schlamm-Massen zu verstopfen, gezeigt, dass BP wohl tatsächlich mit der technischen Beseitigung des Problems überfordert ist. Als letzter Versuch steht jetzt im Raum, den Ölabfluss in den Golf durch Entlastungsbohrungen zu erreichen, die aber nicht vor August abgeschlossen werden können. Aber selbst dem Konzernchef von BP ist klar, dass die beschädigte Reputation auch durch ein Gelingen des Vorhabens nicht wieder hergestellt werden wird. Bei einem Nichtgelingen dürfte das vernichtete Image des BP Konzerns das kleinste Problem sein.





